Warum Wurzelkultur in der Transformation?

Das Jugendfolkorchester ist wieder beim Proben. Es berührt mich sehr, mit wieviel Herzblut die Leitenden, allen voran Gudrun Walther, dieses Projekt realisieren, unter den in Deutschland wahnsinnig schwierigen Förderbedingungen für Folk. Ich bin froh, dass wir mit Profolk den Rahmen dafür setzen dürfen.

Manchmal denke ich, dass es von außen bestimmt aussieht, als bewegten mich sehr unterschiedliche Dinge. Klima, Naturspiritualität, Kirche, Folk, Lieder – warum alles das? Von innen kann ich sagen, dass für mich ein Zusammenhang besteht, und der hat was mit Suffizienz, mit (Heimat-)Verbundenheit, mit Kreisförmigkeit zu tun.

Ich glaube, dass es uns in dieser Zeit nicht an Wissen mangelt. Alle Fakten liegen die ganze Zeit auf dem Tisch. Wir leben über unsere Verhältnisse, das heißt: vor allem über die Verhältnisse des Planeten der uns trägt. Es mangelt uns aber an der Fähigkeit, diese Erkenntnis einzulassen – an Zusammenhalt und Sicherheit, an emotionaler Kapazität und Ehrlichkeit. An ganz analoger Begegnung.

Was hat das alles mit Folk zu tun? Nun, zum einen liebe ich diese Musik. Ich liebe die Instrumentenvielfalt, das Tänzerische, die Lieder und Geschichten. Ich glaube aber, dass meine Liebe niemals zufällig ist, dass sie immer eine Information trägt die über ein Gefühl hinausgeht. Und das ist in diesem Fall: Die Wurzeln dieser und der Kultur im allgemeinen sind älter als die Industrialisierung, älter als der Strom, älter als die Krisen die uns jetzt einholen.

Folk atmet den Geist der Zeit, in der Kultur bedeutete, sich ums Lagerfeuer zu scharen, zu singen, zu erzählen, miteinander zu SEIN. Diese gemeinschaftliche Wurzel ist der Kultur an so vielen Stellen abhanden gekommen, ausgetrieben worden von einer Expertenriege die entscheidet, wer musikalisch ist und wer besser den Mund hält. In der ohne Notenpapier nichts geht, in der das Wort eines Komponisten immer mächtiger ist als der eigene Impuls. Als die Spontanität, das Ohr, die Improvisation.

Aber Kreativität ist Selbstermächtigung, seine Stimme erheben bedeutet, seine Stimme zu erheben. Ein Kreis bedeutet Sicherheit. Das ist für mich in diesen alten Formen aufbewahrt, und das brauchen wir auch heute.

Zugespitzt sage ich manchmal: Diese Kultur zeigt den Menschen, dass wir uns nicht langweilen würden, wenn es Netflix nicht gäbe. Wohlstand ist nicht das, was wir gelernt haben, es hat so viel mehr mit nicht-materiellem Gut zu tun. Vivian Dittmar unterscheidet in „Echter Wohlstand“ fünf Kategorien: Zeitwohlstand, Beziehungswohlstand, Kreativitätswohlstand, ökologischer Wohlstand und spiritueller Wohlstand.

Für mich ist der Reichtum des Folk oder der Wurzelkultur im allgemeinen ein Kreativitäts- und Beziehungswohlstand. Wir tun das miteinander, um uns auszudrücken, und damit Freude entsteht. Es kann virtuos, künstlerisch und vielschichtig und subtil dabei zugehen, keine Frage. Folk ist nicht stumpf oder anspruchslos. Der Kern ist aber unschlagbar freudevoll, und das geht auch mit einfachen Mitteln.

Mögen alle Menschen, die sich der Wurzelkultur verschrieben haben, langer Atmen beschieden sein und sie sich ihrer hochgradig nachhaltigen und zukunftsträchtigen Fähigkeiten freuen. ❤

Länger habe ich mich zu dem Thema im Podcast „Sound Of Connection“ mit Kathryn Doehner geäußert, L1nk kommt unter den Text. Danke fürs Lesen. Teilen erlaubt

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